Warum gute Vorsätze scheitern – und was echte Veränderung wirklich braucht

By Jutta Beyer

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Der Jahreswechsel bringt oft das Gefühl mit, etwas neu sortieren zu wollen.
Ein paar Tage lang scheint Veränderung greifbar – als könnte man alte Muster hinter sich lassen und etwas Stimmigeres beginnen.

Daraus entstehen Vorsätze: „Mehr Bewegung, weniger Stress. Weniger Bildschirmzeit, mehr Präsenz…„. Manchmal konkret, manchmal nur ein innerer Wunsch nach mehr Ordnung, Ruhe oder Verbindung.

Am Anfang tragen diese Impulse noch.
Aber meist schiebt sich der Alltag schnell wieder dazwischen. Termine, Abläufe, alte Gewohnheiten. Das Neue verliert an Kraft, das Alte übernimmt.

Und etwas kippt: Was eigentlich entlasten sollte, wird zum zusätzlichen Druck.
Der Vorsatz steht im Raum – aber ohne Umsetzung wird er zur stillen Erinnerung daran, was nicht gelungen ist.

Statt mehr Klarheit entsteht Selbstzweifel.
Statt neuer Energie bleibt Frust.

Es ist kein persönliches Versagen.
Sondern eine Dynamik, die viele Menschen kennen.


Vielleicht liegt das Problem woanders.

Nicht bei dir.
Sondern im Ansatz.
Vielleicht fehlt nicht der Wille – sondern der richtige Anfang.
Einer, der sich in dein Leben einfügt.
In deinen Körper, deinen Rhythmus, deinen Alltag.

Das Urfeld-Verständnis lädt dazu ein, genau dort hinzuschauen.
Veränderung nicht als Disziplinakt zu betrachten, sondern als Bewegung, die vom System selbst getragen werden muss.

Im Folgenden schauen wir genau darauf.
Was passiert, wenn wir uns etwas vornehmen?
Warum tragen diese Vorhaben so selten?
Und was wäre ein Weg, der wirklich zu dir passt?

Was passiert eigentlich, wenn wir uns etwas vornehmen?

Ein Vorsatz entsteht oft aus einem echten Bedürfnis.
Etwas im Alltag fühlt sich nicht stimmig an. Zu eng, zu voll, zu laut – und der Wunsch wächst, wieder mehr bei sich zu sein. Weniger reagieren, mehr gestalten.
Etwas loslassen, das nicht mehr passt. Etwas stärken, das zu kurz gekommen ist.

Der Moment, in dem der Vorsatz entsteht, ist oft klar.
Aber was dann passiert, geschieht oft unbemerkt – im Innern.
Der Körper ist noch im alten Rhythmus. Die Umgebung bleibt gleich.
Und auch wenn der Gedanke stark ist, fehlt oft die Bindung an das, was dich wirklich trägt

Denn ein Vorsatz ist kein neuer Zustand.
Er ist erst einmal nur ein Bild.
Eine Vorstellung davon, wie es anders sein könnte.

Wenn dieses Bild keine Verbindung zum Jetzt bekommt –
wenn es nicht berührt wird vom realen Alltag, dem echten Körper, der gelebten Beziehung zu dir selbst – dann bleibt es fremd.
Und genau das erzeugt Spannung.

Der Wille zieht nach vorne.
Aber etwas in dir bleibt zurück.

Diese innere Spaltung ist oft der Grund, warum Veränderung nicht gelingt.
Nicht, weil du es nicht willst. Sondern weil der neue Impuls keine Wurzel hat.

Im Urfeld-Modell sprechen wir hier von einem Zustand, in dem Bewegung zwar gewollt ist, aber nicht vom System gehalten werden kann. Dann entsteht Spannung – nicht als Zeichen von Widerstand, sondern als Hinweis auf fehlende Anbindung.

Warum es fast nie funktioniert

Wenn Vorsätze nicht tragen, liegt das selten an fehlendem Willen.
Viel öfter fehlt die Passung – zwischen dem, was du dir vornimmst, und dem, was dein System im Moment halten kann.

Hier ein paar typische Gründe, warum gute Vorhaben ins Leere laufen:

Es bleibt im Kopf

Viele Vorsätze entstehen aus einem Gedanken – einer Idee davon, wie es besser sein könnte.
Doch ohne körperliche Rückbindung bleibt es genau das: ein Gedanke.
Der Körper, die Gewohnheiten, die Emotionen – sie sind noch nicht dabei.

Es fehlt ein Rhythmus

Veränderung braucht Wiederholung.
Aber ein neues Verhalten entsteht nicht automatisch aus einem Entschluss.
Wenn es keinen Platz bekommt im Tageslauf – keinen kleinen Takt, der es trägt –
verliert es sich schnell zwischen allem anderen.

Das Urfeld-System geht davon aus, dass Veränderung nicht linear verläuft, sondern rhythmisch – getragen von inneren Zyklen und eingebettet in das, was schon wirkt.

Es ist nicht wirklich verbunden

Manchmal sind Vorsätze gar nicht so sehr mit dir verbunden, wie sie scheinen.
Sie kommen aus Idealen, Vergleichen, Erwartungen – nicht aus einem echten inneren Impuls.
Dann fehlt die Resonanz.
Und was keine Resonanz hat, bleibt außen vor.

Der Handlungskontext fehlt

Ein Ziel allein reicht nicht.
Es braucht eine erste Bewegung – eine Handlung, die das Neue im Alltag verankert.
Bleibt diese Bewegung aus, entsteht eine Lücke.
Und aus der Lücke wächst Frust.

Die Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist zu groß

Wenn der neue Anspruch zu weit vom Jetzt entfernt ist, entsteht Spannung.
Nicht produktiv, sondern lähmend.
Die Schere zwischen „so will ich sein“ und „so bin ich gerade“ wird zu weit –
und statt Motivation entsteht Rückzug.


All das sind keine persönlichen Schwächen.
Es sind systemische Reaktionen auf Überforderung ohne Anbindung.

Die Folge: Leise Selbstsabotage

Wenn ein Vorhaben nicht gelingt, ist das oft kein großer Einbruch.
Kein dramatisches Scheitern, sondern etwas viel Unsichtbareres.

Ein kleiner Rückzug. Ein leises Nachgeben.
Ein innerer Kommentar, den kaum jemand hört – aber der Wirkung hat:
War klar, dass ich das wieder nicht durchhalte.“
„Ich fang gar nicht erst an, bringt ja eh nichts.“
„Irgendwie passt es einfach nicht in mein Leben.“

Solche Sätze klingen harmlos. Aber sie hinterlassen Spuren.
Nicht im Kopf, sondern tiefer – dort, wo du spürst, was du dir zutraust.

Jeder nicht gelebte Vorsatz schwächt ein Stück der inneren Bindung.
Nicht weil er nicht funktioniert hat, sondern weil er nicht gehalten wurde.

Und mit jeder Wiederholung wird es schwerer, etwas Neues überhaupt noch ernst zu nehmen.

So entsteht kein Mangel an Disziplin.
Sondern ein wachsendes Misstrauen gegenüber der eigenen Bewegung.

Das ist der eigentliche Schmerz hinter gescheiterten Vorsätzen:
Nicht, dass du das Ziel nicht erreicht hast –
sondern dass sich etwas in dir nicht mehr traut, sich in Bewegung zu setzen.

Vertiefend:
Wer mit sich selbst achtsam und milde umgeht, wenn etwas nicht gelingt, bleibt länger verbunden – und kann leichter wieder in Bewegung kommen.
Eine ganzheitliche Perspektive auf Selbstmitgefühl findest du hier: Selbstmitgefühl neu gedacht: Warum es nicht reicht, nett zu sich zu sein.

Was stattdessen funktioniert – fünf Prinzipien echter Veränderung

Wenn Veränderung tragen soll, braucht sie mehr als einen Entschluss.
Sie braucht Bedingungen, die sie halten.
Etwas, das wirklich in deinem Leben greift – nicht nur in deinem Kopf.

Das Urfeld-Verständnis geht davon aus, dass Veränderung nicht durch Willenskraft entsteht – sondern dort, wo das System in Resonanz geht und Spannung nachlässt.

Hier fünf Prinzipien, die Veränderung wahrscheinlicher machen.
Nicht als Methode, sondern als Einladung.
Etwas wahrzunehmen, das schon jetzt möglich ist.

1. Nicht etwas „vornehmen“ – sondern etwas spürbar werden lassen

Viele Vorsätze bleiben abstrakt.
Was oft fehlt, ist die erste Berührung – eine Handlung, die im Körper stattfindet.
Im Alltag. In der Gegenwart.

Statt: „Ich will wieder mehr laufen gehen.“
Vielleicht: „Ich nehme heute fünf Minuten bewusst wahr, wie meine Füße den Boden berühren.“

Kleine Bewegungen, die das System nicht überfordern.
Sondern einladen.


2. Kein Ziel setzen – sondern einen kleinen Rhythmus beginnen

Veränderung entsteht nicht durch Willenskraft.
Sondern durch Wiederholung.

Einmal etwas tun, ist ein Versuch.
Etwas regelmäßig tun, ist ein neuer Takt.

Nicht: „Ab sofort jeden Abend meditieren.“
Sondern: „Immer nach dem Zähneputzen eine Minute lang still sitzen.“

Wichtig dabei: Es geht nicht darum, ein starres Ziel zu erreichen.
Sondern in eine Richtung zu gehen, die sich stimmig anfühlt (Kruglanski et al., 2002).
Ziele können Orientierung geben –
aber Veränderung bleibt lebendig, wenn sie Raum lässt, sich anzupassen.

Wir denken hier in Rhythmen, nicht in Plänen. In Bewegungen, die vom System freigegeben werden – nicht durchgesetzt.


3. Kein Idealbild – sondern ehrlicher Kontakt mit dem Jetzt

Ziele sind oft Bilder eines besseren Selbst.
Aber der Boden für Veränderung ist nicht das Ideal –
sondern die Verbindung zum Moment und was sich wirklich nach dir selbst anfühlt.

Was ist gerade spürbar?
Wo stehst du, ohne Bewertung?

Statt dich zu optimieren, kannst du beginnen, dich wieder etwas mehr zu finden.
Nicht als Konzept – sondern in dem, was sich in dir zeigt.
Von hier aus kann etwas wachsen, das zu dir passt. Alles andere bleibt Vorstellung.


4. Kein starrer Vorsatz – sondern ein resonanter Kontext

Veränderung wird tragfähiger, wenn sie sich irgendwo einhängt.
In eine Beziehung. Einen Raum. Eine Bedeutung.

Aber Vorsicht: Verbindung darf nicht zur Pflicht werden.

Statt: „Jede Woche treffen wir uns zum Lesen.“
Vielleicht: „Ich lese – und teile, wenn ich etwas teilen möchte.“

Der Unterschied: Die Verbindung bleibt lebendig.
Nicht eng, sondern offen.
Nicht steuernd, sondern unterstützend.


5. Kein kalendarischer Zwang – sondern ein echter Anfang

Der 1. Januar ist ein Datum.
Aber nicht jeder Anfang beginnt im Kalender.

Wirkliche Veränderung hat oft ihren eigenen Zeitpunkt.
Manchmal kommt er still.
Manchmal mitten im Alltag.

Vielleicht ist dein Anfang nicht der erste Tag des Jahres.
Sondern der erste Moment, in dem du etwas wirklich meinst.

Im Urfeld-Modell sprechen wir von einer inneren Zeit – nicht linear, sondern bezogen auf Zustände und deren Veränderung.
Ein Anfang entsteht nicht, weil ein Datum es vorgibt –
sondern weil etwas in dir bereit ist, sich zu bewegen.

Und vielleicht geht es genau darum.

Nicht darum, etwas zu erreichen.
Sondern etwas zu beginnen, das dich berührt.

Etwas, das nicht perfekt geplant ist – aber echt.
Nicht groß, aber spürbar. Nicht kontrolliert, sondern lebendig.

Ein Schritt, der sich nicht beweisen muss.
Sondern einfach stimmt. Für jetzt. Für dich.

Statt zu fragen: Was nehme ich mir dieses Jahr vor? Könnte die Frage sein:

Was in mir ist bereit, sich in Bewegung zu setzen – ganz ohne Druck, aber mit Bedeutung?

Hinweis: Eine englische Version dieses Artikels ist auf LinkedIn erschienen – für alle, die den Text gerne auf Englisch lesen oder teilen möchten: Read the English version on LinkedIn.


Literaturhinweise

  • Fogg, B. J. (2019). Tiny Habits: The Small Changes That Change Everything. Houghton Mifflin Harcourt.
    Nachhaltige Veränderung beginnt oft mit sehr kleinen Handlungen – so leicht, dass sie kaum Überwindung kosten, und doch bedeutsam genug, um innere Zustände zu verschieben.
  • Deci, E. L., & Ryan, R. M. (2000). The “what” and “why” of goal pursuits: Human needs and the self-determination of behavior. Psychological Inquiry, 11(4), 227–268.
    Veränderung, die auf externen Erwartungen basiert, untergräbt Selbstbestimmung – und verliert schnell an innerer Bindung.
  • Kruglanski, A. W., Shah, J. Y., Fishbach, A., Friedman, R., Chun, W. Y., & Sleeth-Keppler, D. (2002). A theory of goal systems. Advances in Experimental Social Psychology, 34, 331–378.
    Flexibel gehaltene Ziele – als Richtungsimpulse statt Soll-Zustände – fördern Selbstregulation nachhaltiger als fixe Endpunkte
  • Neff, K. D., & Germer, C. K. (2013). A pilot study and randomized controlled trial of the mindful self‐compassion program. Journal of Clinical Psychology, 69(1), 28–44.
    Ein mitfühlender Umgang mit sich selbst schützt vor Rückzugsdynamiken – und stärkt die Bereitschaft, neu zu beginnen.
    Vertiefend: Selbstmitgefühl systemisch gedacht auf beyerchange.com
  • Roenneberg, T. (2012). Internal Time: Chronotypes, Social Jet Lag, and Why You’re So Tired. Harvard University Press.
    Verhaltensänderung gelingt nachhaltiger, wenn sie an bestehende Rhythmen andockt – nicht gegen sie läuft.
  • Varela, F. J., Thompson, E., & Rosch, E. (1991). The Embodied Mind: Cognitive Science and Human Experience. MIT Press.
    Veränderung ohne körperliche Rückbindung bleibt kognitiv. Das Denken greift ins Leere, wenn es sich nicht im Leib verankert

Autorin

Jutta Beyer begleitet Menschen mit psychosomatischen Belastungen auf ihrem Weg zu nachhaltiger Gesundheit – damit sie nicht nur funktionieren, sondern wieder wirklich leben können.

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